Wenn Wasser heilt

Dr. Christian Casanova

Dr. med. Christian Casanova

hatte 1993–2011 die Leitung des Rehabilitations- und Therapiezentrums Bogn Engiadina Scuol inne, wo seither auch seine hausärztliche Arztpraxis zu finden ist. Der Internist, Gastroenterologe und Balneologe engagiert sich dafür, die heilende Wirkung von Thermalwasser wieder vermehrt zu nutzen. 

Thermalwasser ist seit Jahrtausenden bekannt für seine Heilkräfte. In Scuol hat seine medizinische Anwendung eine lange Tradition. Christian Casanova, Internist, Magen-Darm-Spezialist und einer der wenigen Schweizer Balneologen, kennt viele gute Gründe für die Wirksamkeit von Badekuren.

Warum ist eine Badekur nach einem grösseren Eingriff oder einer Erkrankung sinnvoll?
Heilbaden hat eine grosse Zahl an positiven Effekten, gerade nach orthopädischen Eingriffen, bei denen die Beweglichkeit besonders eingeschränkt ist; auch nach einer Bauchoperation, einer Chemotherapie, wegen physisch unerklärlicher Schmerzen oder Überlastung haben sich Badekuren sehr bewährt: Wer 70 kg wiegt und ganz ins Wasser eintaucht, ist nur noch etwa 7 kg leicht; dieser Auftrieb entlastet Gelenke, was natürliche Bewegungsabläufe ermöglicht. Zudem entspannt warmes Wasser und baut Stress ab, es fördert die Durchblutung und kann Schmerzen lindern. Scuoler Quellwasser kann unter anderem die Wundheilung positiv beeinflussen, da es besonders viel Kohlensäure enthält, das desinfizierend wirkt. Weiter hatten auch Trinkkuren Tradition. Heilwasser mit hohem Calziumwert unterstützt beispielsweise die Knochenbildung. Dasselbe gilt für Wasser mit beachtlichem Magnesiumgehalt, das Verspannungen mildert und für viele physische und psychische Funktionen essenziell ist. 

«Warmes Wasser entspannt, baut Stress ab, 

fördert die Durchblutung und lindert Schmerzen.»

Was sind die Vorteile von Kuraufenthalten gegenüber einer Physiotherapie am Wohnort?
Man nimmt sich bewusst Zeit, um sich auf eine rasche Genesung zu konzentrieren, oft an einem landschaftlich reizvollen Ort, mit angenehmer Unterbringung ohne Spitalklima und guter Küche. Dies alles ist auch für das seelische Wohlbefinden wichtig. Doch der grösste Vorteil einer Kur liegt in den kurzen Wegen: Zuhause benötigen Sie möglicherweise Taxi, Tram oder Postauto, um in die Physiotherapie zu fahren. Dies kann in der Rekonvaleszenz sehr anstrengend sein. In einem Kurort wie Scuol hingegen gelangen Sie im Bademantel von vier angeschlossenen Hotels zu Fuss oder im Rollstuhl direkt ins Thermalbad.  Dies erlaubt eine hohe Behandlungsfrequenz von in der Regel zweimal täglich. Im Heilbad kann dank Auftrieb und Wasserwiderstand schonend mobilisiert und effizient trainiert werden. Ferner lassen sich in einem Kurzentrum die wasserbasierten Therapien mit anderen Behandlungen kombinieren, wie Massage, Elektrotherapie, Ernährungsberatung oder komplementärmedizinische Angebote. Ausserdem stehen neben den Therapien das Thermalbad und Fitnesszentrum fürs selbstständige Training oder zur Entspannung offen. Diese intensive Betreuung und die Vielfalt an Therapiemöglichkeiten führen oft zu spürbaren gesundheitlichen Fortschritten in relativ kurzer Zeit.

«Intensive Betreuung und vielfältige Therapien führen oft

effizient zu spürbaren Fortschritten.»

Wenn ich mit einer frischen Hüftgelenksprothese zur Rehabilitation nach Scuol komme: Wie läuft eine Badekur ab?
Idealerweise haben Sie sich ca. drei Wochen vorher bei uns angemeldet, so dass wir die Kostengutsprachen bei den Versicherungen sowie die wichtigsten Therapietermine organisieren können. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten für die Physiotherapie bzw. physikalische Therapie und bei ärztlich verordneten Badekuren, darüber hinaus einen Unkostenbeitrag von CHF 10.- pro Tag für max. 21 Tage. Zusatzversicherte erhalten Tagesbeiträge bis zu 180 Franken. Beim Eintrittsuntersuch berücksichtigen wir nicht nur Ihre Hauptdiagnose, sondern Ihre gesamte Gesundheitssituation: Vielleicht haben Sie aufgrund langer Schonhaltung vor der Operation Verspannungen, also sind nicht nur Physiotherapie und Baden, sondern auch Massagen und Wickel angezeigt. Sie erhalten einen intensiven Therapieplan. Es gibt eine Zwischenkontrolle, beim Abschlussuntersuch erhalten Sie Instruktionen zum selbständigen Training und es geht ein Arztbericht an die zuweisende Institution.

 

Sind Badekuren auch heute noch so populär wie im 19. und 20. Jahrhundert?
Leider nicht, und das zu Unrecht: Bei einer Badekur profitieren Sie von der Schulmedizin mit ihrer Diagnosestärke genauso wie von einer grossen Palette erfahrungsmedizinischer Therapien. Und es ist immer wieder befriedigend zu sehen, wie Patientinnen und Patienten selbst einen klaren Verbesserungsschub und ein gesteigertes Wohlbefinden feststellen. Insofern bin ich überzeugt, dass Kuren und Heilbaden in absehbarer Zeit wieder stärker nachgefragt werden. Insbesondere angesichts der zunehmend älter werdenden Bevölkerung und des wachsenden Bewusstseins, dass man mit einem guten Lebensstil bis ins hohe Alter gesund bleiben kann

«Der Auftrieb im Wasser entlastet die Gelenke,

was natürliche Bewegungsabläufe ermöglicht.»

Bogn Engiadina, Scuol

Interview: Fabienne Hohl